Franziskanische Ökonomie

Franziskanische Philosophen, Theologen und Lehrer der Wirtschaftsethik

Wirtschaft braucht Ethik – franziskanische Impulse

Nach Ansicht des früheren US-Präsident Obama führt an einer zügigen Reform der Finanzmarkt-Regularien kein Weg vorbei. „Wir können die Märkte des 21. Jahrhunderts nicht mit den Bestimmungen aus dem 20. Jahrhundert aufrechterhalten. Lassen Sie mich klar aussprechen: Wir stehen nicht vor der Wahl zwischen einer repressiven Staatswirtschaft und einem chaotischen, unversöhnlichen Kapitalismus“, erklärte Obama. „Es ist eher so, dass starke Finanzmärkte eindeutige Verkehrsregeln brauchen – nicht um die Finanzinstitutionen zu behindern, sondern um Verbraucher und Anleger zu schützen.“ Diese Worte sprach Obama noch zu Beginn seiner Amtszeit. Die internationale Finanzkrise wiederholt sich, aber eine notwendige Regelung scheint auszubleiben. Die Märkte werden weiterhin den Finanzhaien überlassen.

Wirtschaftskrise, Missbrauch der Finanzmärkte, auch durch kirchliche Institutionen, werfen die grundsätzliche Frage nach dem Zusammenhang von Wirtschaftslehre, Ökonomie, Marktgeschehen, dem menschlichen Handeln und dafür notwendigen ethischen Regeln auf. Vielfach besteht die vordergründige Meinung die Wirtschaftslehre und etwaige Regeln gingen auf Thomas Hobbes (1588-1679; Mathematik und politische Philosophie; Hauptwerk: Leviathan), Adam Smith (1723-1790; Moraltheologe und Nationalökonomie) und David Hume (1711-1767; Historiker, Philosoph und Ökonom) zurück. Die Wurzeln der Wirtschaftslehre auf die Hobbes, Smith und Hume zurückgreifen liegen allerdings schon im Hochmittelalter und die franziskanische Bewegung, vor allem der 1. Orden und der sogenannten 3. Orden der franziskanischen Laienbewegung, haben einen entscheidenden Anteil daran.

Ausgangspunkt: die sozial-ökonomischen Merkmale der frühen franziskanischen Bewegung

Wenn wir einen Blick zurückwerfen in die Zeit des Heiligen Franziskus, dann können wir auf Grund der historischen Fakten sehr leicht feststellen, dass die Heimatstadt der franziskanischen Bewegung, Assisi, wie die meisten wachsenden Städte Mittelitaliens damals, das soziale Leben auf wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand gründete. Dies schloss die Erschließung neuer abhängiger Märkte ein und führte auch zum Wucher, zur Wirtschaftsspekulation und zur Kapitalanhäufung. Wer dieses System mitgestaltete oder zumindest irgendwie unterstützte und mittrug, wer sich in diesem System integrierte und im Strom mit schwamm, der konnte von diesem System profitieren: Bürger, Händler, Kaufleute, Handwerker, Immobilienbesitzer, Banker, und schließlich auch, wenn auch in geringerem Maße Arbeiter, Diener, Tagelöhner. Wer aus irgendeinem Grunde im System nicht mithalten konnte, Kranke, Behinderte, gering oder gar unqualifizierte Arbeiter, oder aber auch, wer von der Kirche zum öffentlichen Sünder abgestempelt war, der wurde auf brutale Art und Weise aus dem System ausgestoßen. Die Gesellschaft Assisis war unter dem Deckmantel einer äußeren Religiosität auf einem gewalttätigen Wirtschaftssystem aufgebaut. Dieses System diente einer kleinen Schicht neureicher Bürger und stürzte einen Großteil der Einwohner der Stadt in die wirtschaftliche Abhängigkeit und in die Armut. Wir wissen, dass auch die Familie des Franziskus zu diesen neureichen Bürgern gehörte.

In dieser Realität wird die Weigerung des zur Nachfolge Jesu bekehrten Franziskus Geld anzunehmen zum Ausgangspunkt, um das soziale und religiöse Zusammenleben auf eine andere Grundlage zu stellen, nämlich humane und christliche Werte, die dem Evangelium entsprachen. Franziskus sagte in seinem Testament von sich selbst, dass er diese Welt, gemeint ist wohl die sozial-politische und religiöse Welt der Stadt Assisi, verlassen habe. Unabhängig von der in Assisi vorgegebenen sozialen und wirtschaftlichen Stellung anerkennt Franziskus alle Menschen als seine Brüder und Schwestern und damit eröffnet er eine Alternative zur sozialen, politischen und religiösen Situation von Assisi, die viele Ausschließt und Ausgrenzt. Sehr bald schließen sich viele Bürger der alternativen Lebensform des Franziskus an. Franziskus und seine Brüder arbeiten. Sie betteln nur, wenn ihnen der Lohn vorenthalten wird. Aber ihre Arbeit dient nicht der Anhäufung von Kapital und mehrt auch nicht den Wohlstand der reichen, elitären Schicht von Assisi. Die Brüder und Schwestern arbeiten aber sie produzieren und häufen keinen Reichtum an. Allerdings fördern und sichern sie durch ihre Arbeit eine würdige Lebensgestaltung für Alle und unterstützen einen alternativen Sozialpakt, der auf einer religiösen Grundlage, die Franziskus in der Nachfolge Jesu Christi sieht, basiert. Statt nur Konsumgüter zu produzieren, die sich nur wenige leisten können, produzieren sie den möglichen Lebensunterhalt für Alle und sie „produzieren“ jene kreativen Güter, die den Gemeinschaftscharakter, die soziale Dimension der Gesellschaft fördern. Sie produzieren im übertragenen Sinne aus christlicher Verantwortung Solidarität. Mit dieser Lebensform der frühen franziskanischen Bewegung sind sozusagen die weltanschaulichen Grundlagen geschaffen für das Wirken der Franziskaner im Bereich der Ökonomie, des Marktes und des Bankenwesens. Die Brüder hatten trotz ihrer strikten Ablehnung des Geldes eine konkrete Motivation sich dennoch, um das Geldgeschäft und das Marktgeschehen im weitesten Sinne zu kümmern.

Motivation:

Mit dem Entstehen des neuen Standes, des Bürgertums, der Händler, der Kaufleute, der Handwerker, der Rechtsgelehrten und der Banker vollzieht sich der einschneidende Wechsel von der lokalen Tauschwirtschaft zur interregionalen und internationalen Geldwirtschaft. Erste multinationale Organisationen, Handelsgeschäfte und Bankbeziehungen entstehen. Auch der Vater von Franziskus besaß einen Tuchhandel mit Geschäftsbeziehungen vom Vorderen Orient über Mittelitalien bis nach Südfrankreich. Gerade die Franziskaner sind es, die in den Generationen nach dem Tode des Franziskus in den Städten die Seelsorge für diesen religiös meist vernachlässigten und von der Kirche auch misstrauisch beäugten neuen Stand die Seelsorge übernahmen. Dabei stehen die Brüder vor einer konkreten Problemstellung: die moralische Stellung der interregionalen und multinationalen Händler und Kaufleute in der religiös-sozialpolitisch strukturierten Gesellschaft, sowie die moralische Legitimation des Bankgeschäftes und die moralische Stellung des Bankers in der Gesellschaftsordnung war vor dem Hintergrund der damaligen sozial-religiösen Gesellschaft zu klären. Ebenso sollte das unmoralische Verhalten der kirchlichen Institutionen aufgedeckt und eingedämmt werden. Gleichzeitig gab es die Notwendigkeit die Mechanismen eines funktionierenden interregionalen und multinationalen Marktes und die Grundlagen des jetzt entstehenden Bankenwesens zu klären und entsprechende Regeln aufzustellen. Dazu mussten auch die theoretischen Grundlagen und Inhalte einer Lehre der Ökonomie erarbeitet werden.

Da sich die Wirtschaftstheorie, die Praxis des Marktes mit den Fragen der Humanisierung und der Religion in einer religiös-sozialpolitischen Gesellschaft verbanden war die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen der Ökonomie Aufgabe der Philosophen und der Theologen, eben auch gerade der Moraltheologen. Da die Franziskaner selber größtenteils aus dem neuen Bürgerstand, also den Familien der Händler, Kaufleute, Handwerker, Banker und Rechtsgelehrten kamen waren es gerade die Philosophen und Theologen unter den Franziskanern, die sich der theoretischen und praktischen Probleme der Ökonomie annahmen. Dabei kam ihnen die Distanz zur Geldwirtschaft auf Grund des Geld- und Besitzverbotes im Orden zu Hilfe. In einer sachlichen Distanz verbleibend konnten sie sich den Problemen aus einer Art übergeordneten, über den Dingen stehenden, Sichtweise nähern.

Biblische Grundlegung:

Natürlich wurde der Ausgangspunkt nicht einfach auf der Ebene der sozialpolitischen Dimension oder der Dynamik des Marktgeschehens gesucht. Angesichts einer auch religiös durchtränkten weltlichen Gesellschaft und in Verbindung mit dem eigenen religiösen Selbstverständnis nahmen die Überlegungen der Franziskaner ihren Ausgangspunkt in der Auslegung und Kommentierung der Heiligen Schrift. Im Mittelpunkt stehen einige wenige biblische Texte: Mt 6, 19-34: die Rede Jesu von der falschen und der rechten Sorge; Lk 6, 34-35: Die Rede Jesu vom Leihen des Geldes; Lk 19, 11-27: das Gleichnis vom anvertrauten Geld; Lk 19, 45-48: die Tempelreinigung und Vertreibung der Händler; Lk 21,1-4: das Opfer der Witwe; Mt 10, 5-15: die Jüngersendung und das Wort Jesu „Umsonst habt Ihr empfangen, umsonst sollt Ihr geben“. Diese biblischen Texte wurden Angesichts der damals aktuellen gesellschaftlichen Situation gelesen und auf den Alltag hin interpretiert. Ein für die neuen Stände notwendiges ethisches Denken und Handeln wurde so von der Bibel her begründet. Natürlich gab es auch eine philosophische Grundlegung, die an Hand der Auslegung der Nikomachische Ethik des Aristoteles erschlossen wurde. Die biblischen und philosophischen Grundlagen wurden in eine regelrechte Lehrpraxis übertragen. Dazu dienten Bibelkommentare, die Einführung des Kirchenrechts, Lehrbücher für die Universitätsvorlesungen, Traktate und schließlich Predigthandbücher, Predigttexte, Handbücher für die Beichte, Beichtspiegel und eine entsprechende Bußliteratur. Für einen Zeitraum von etwa 150 Jahren nach dem Tode des Franziskus haben wir circa 250 erhaltene Schriften, die sich mit Fragen der Ökonomie auseinandersetzen.

Ethik der Ökonomie (Haushaltung):

Auf Grund des biblischen Credos erarbeitet die Moraltheologie Prinzipien und Regeln für die Ökonomie. Diese Prinzipien und Regeln entfalten sich in der Spannung zwischen Idealismus/Deontologie auf der einen Seite und der praktischen, situationsbezogenen Teleologie und dem Utilitarismus/Nutzen auf der anderen Seite. Dabei geht es um die Rechtfertigung des Handels, des Marktes und der Banken aus der religiösen Perspektive. Zur eigenen Rechtfertigung muss das Tun der Händler, Handwerker, Kaufleute und Banker bestimmten von der Moraltheologie aufgestellten ethischen Normen entsprechen. So geht es vor allem um eine Verhaltensethik. Um solche Regeln und Normen aber aufstellen zu können muss sich der Theologe mit der Realität des Handels, des Marktes und des Bankings beschäftigen. Hierbei wird Ökonomie zunächst verstanden als die Wissenschaft von der Haushaltung des allgemeinen Wohlstandes und der Produktion, der Verteilung und dem Konsum der Güter (Bonum) zu Gunsten der Allgemeinheit. Unter Wohlstand wird die Verfügbarkeit des Lebensnotwendigen plus des Ausreichenden verstanden. Die Anhäufung und Hortung von Überfluss werden dagegen als schädlich angesehen. Die aufgestellte Ethik soll folglich der Allgemeinheit zu diesem Wohlstand verhelfen und gleichzeitig vor der Verlustigkeit des ewigen Lebens durch sündhaftes zuwider Handeln bewahren.

Den Frame (Rahmen) für diese Ethik bilden das Zusammenspiel von ökonomischer Theorie, Analyse der ökonomischen Praxis und der Moral-Bezug.

Eigentumstheorie:

Wichtiger Teil der Überlegungen war die Erstellung einer Eigentumstheorie. Dabei wurde davon ausgegangen, dass es vor dem Sündenfall nach dem im Paradies geltenden Naturgesetz ein Gemeinschaftseigentum aller Güter und die jeweilige Nutzung je nach persönlichem Bedarf gab. Erst nach dem Sündenfall wird es notwendig durch ein positives Recht und die entsprechende Gesetzgebung das Privateigentum als Schutz vor der allgemeinen Begierde als Folge des Sündenfalls einzuführen. Mit dem positiven Recht auf Privateigentum verbindet sich die soziale Verpflichtung gegenüber der Allgemeinheit, besonders gegenüber den Armen. Es besteht die Verpflichtung der Gerechtigkeit vom eigenen Überfluss zum Allgemeinwohl beizutragen und vor allem den Benachteiligten zu geben. Die Bewertung des eigenen Überflusses ist je auf die persönliche Situation bezogen. Es wird dabei zwischen persönlicher Notwendigkeit und Luxus unterschieden. Es besteht das positive Recht auf den eingeschränkten, moderaten Gebrauch der Güter. Der Privatbesitz steht so unter der öffentlichen Gesetzgebung einer Gemeinschaft und ist dem Allgemeinwohl verpflichtet. Darüber hinaus gilt aber weiterhin der Grundsatz des göttlichen Gebotes: Gott ist Eigentümer aller Ressourcen. Dieser Grundsatz wird in der realen Situation der Sündhaftigkeit durch das positive Recht des Privateigentums mit sozialer Verpflichtung gewahrt.

In besonderer Weise bleibt aber auch nach dem Sündenfall als göttliches Naturgesetz das „ius necessitas“ gültig: in der Not ist alles gemeinsam. Dabei steht die Gerechtigkeit des freien Zugangs zu den lebensnotwendigen Gütern über den Werken der Barmherzigkeit. Es gilt das fundamentale Prinzip: Not kennt kein Gebot. Es besteht ein Recht auf das Lebensnotwendige und der Gebrauch des Lebensnotwendigen basiert nicht auf der Barmherzigkeit der Reichen. Der Hungernde darf sich notfalls nehmen, was er zum Überleben braucht. Das Zitat „Not kennt kein Gebot“ geht auf den Franziskaner Franziskus von Meyronnes, circa 1288-1338, zurück. Die Überlebensnotwendigkeit steht im Vordergrund.

Markttheorie:

Vor allem wenden sich die franziskanischen Denker der Ökonomie des Marktes zu. Da sich zeitgenössisch die Tauschwirtschaft auf der Basis von Naturalien hin zum Gebrauch des Geldes wandelt bedarf es zunächst einer grundlegenden Theorie des Marktes. Diese wird gefunden in der Balance des Tauschbarkeitsgesetzes mit dem Verteilungsgesetz: die kommutative (Tauschbarkeitsgesetz) Gerechtigkeit, dass die getauschten Waren gleichwertig sein sollten, muss in der Balance stehen mit der distributiven (Verteilungsgesetz) Gerechtigkeit, dass die Waren gerecht verteilt werden. Dabei wird an das Ideal des gegenseitigen Vorteils durch Gerechtigkeit auf dem freien Markt unter Einschluss des Schutzes bestimmter normalerweise benachteiligten Personengruppe, wie zum Beispiel die Armen, angeknüpft. Diese Balance zwischen Tauschbarkeitsgesetz und Verteilungsgesetz wird besonders von Johannes Duns Scotus bedacht. Ebenso wird für den Markt das Prinzip des „allgemein üblichen“ in der gemeinschaftlichen Übereinstimmung unter Ausschluss der Vorteilsnahme eingeführt. In diesem Zusammenhang wird das Monopol geächtet. Der Monopolist nutzt seine Stellung aus und missbraucht wirtschaftliche Macht, deshalb muss er aus dem Staat ausgewiesen werden. Norm der Gerechtigkeit ist die Möglichkeit der freien Konkurrenz auf dem Markt der Güter und Angebote. Das freie Marktgeschehen entwickelt sich folglich zwischen Angebot und Nachfrage, welche den wirklichen Wert einer angebotenen Ware oder Dienstleistung zum gegebenen Zeitpunkt und Ort mitbestimmen. Der Markt bedarf zu seinem dauerhaften Funktionieren des freien und vollen Konsenses aller involvierten Partner (Anbieter, Käufer, Hersteller, Transporteur, Organisator, Arbeiter, Erfinder usw.). Dieser Konsens setzt eine wahre Information und die gerechte proportionale Berücksichtigung aller Beteiligten voraus. Ein Markt, der zum Vorteil der Einen Andere benachteiligt hat mittel- und kurzfristig keine Überlebenschance, da er seine eigenen am Marktgeschehen notwendigen Teilnehmer durch die Benachteiligung einer Gruppe liquidiert. Eine solche Liquidierung wird mittelfristig zur Bedrohung des Marktes und langfristig zum Absterben des Marktes führen. Wo immer mehr Arbeiter schlecht bezahlt werden, da schrumpft auch der Kreis der potenziellen Käufer und der Markt findet weniger Abnehmer. Ein Markt, auf dem Wenige immer reicher werden und Viele immer ärmer zerstört schließlich sich selbst. Da wird die fundamentale Voraussetzung des freien Marktes ad absurdum geführt.

Produktivitäts-, Profit- und Gewinntheorie des Kapitals:

Wer sich um einen funktionierenden und gerechten Markt sorgt, der muss sich auch einigen Detailfragen zuwenden. Dazu gehören die Fragen nach dem Wohlstand, dem Eigentum und dem Profit. Nach der Franziskanerschule ist Profit ist das Ergebnis, welches erzielt wird nach Abzug aller Kosten und Aufwendungen. Kapital ist der profitable Gebrauch des Geldes durch dessen Einsatz, um einen potentiellen Profit in der Zukunft zu erwirtschaften. Kapital sind für sie die eingesetzten Werte und Leistungen, die eine für die Gesellschaft nützliche Produktivität erbringen. Der allgemeine Nutzen steht hierbei über dem individuellen Nutzen. Profit und Gewinn sind gerechtfertigt, wenn sie aus der mit dem Kapital zusammen eingesetzten ehrlichen Arbeit hervorgehen. Ungerecht verlangter Profit muss von Niemandem bezahlt werden, da er in sich unmoralisch ist. Profit ist dabei der Aufpreis auf eine Ware oder Dienstleistung, mit der sich der Anbieter den Lebensunterhalt für sich und seine Familie erwirbt. Dieser Profit oder Gewinn geht aus seiner Arbeits- oder Dienstleistung hervor und nicht auf Grund des eingesetzten Geldes und entspricht den üblichen gesellschaftlichen Maßstäben und der eigenen Würde.

Dabei darf der Gewinn, bzw. Profit, der sich aus dem produktiven Einsatz des Kapitals ergibt und für die individuellen Bedürfnisse in den Privatbesitz übergeht etwas mehr als das Notwendige sein. Jeder Gewinn, der darüber hinausgeht, muss wieder in die Produktion eingebracht werden (Prinzip des zirkulierenden Kapitals als Voraussetzung eines dauerhaften Marktes). Totes Kapital, das ohne Bezug zur Produktion und zum Markt als Eigentum gehortet wird ist moralisch sündhaft und widerspricht ökonomisch allen Prinzipien eines dauerhaft funktionierenden freien Marktes, so wird es von Petrus Johanni Olivi und Johannes Duns Scotus gelehrt. Nur das investierte Kapital ist für den Markt, die Gesellschaft und den Einzelnen fruchtbar. Wo der maximale Gewinn des Einzelnen auf Kosten der Gemeinschaft betrieben wird droht ein ökonomischer Stillstand und wo nur der Einzelne oder eine kleine Gruppe profitiert wird der Markt mittelfristig ausgelaugt und die Mehrheit kann nicht mehr am Marktgeschehen teilnehmen, weil ihnen die Mittel dazu fehlen. Damit kommen der Markt und das Wirtschaftsleben zum Erliegen, weil einige Wenige die Mehrheit zur eigenen Bereicherung ausnutzen und ausbeuten. Eine Ökonomie die auf den Profit des Einzelnen oder einer kleinen Gruppe basiert, die hortet und nicht investiert und die Gemeinschaft nicht am eigenen Profit gerechter weise teilhaben lässt zerstört sich auf Dauer selbst. Der auf Grund der Habgier Einiger stagnierende Markt wird dann meist abgestoßen, ein neuer Markt gesucht, ausgesaugt und ausgelaugt, dann abgestoßen und wieder ein neuer Markt gesucht usw., bis am Ende aus der Krise eines lokalen Marktes eine regionale oder gar internationale Krise geworden ist. So zerstört die Skrupellosigkeit der Gierigen den Markt. Um dies zu verhindern muss das Kapital, der Gewinn und Profit gerechter weise zirkulieren und dabei helfen Armut abzubauen und den relativen Wohlstand aller zu fördern und zu sichern.

Theorie des Geldes:

Zu den Klärungen der Details gehört auch die Frage nach der Bedeutung des Geldes. Geld ist zunächst ein Medium, mit Eigenwert (damals z.B. Silbermünzen) und einem Gebrauchswert, der dem Eigenwert nicht unbedingt entsprechen muss. Geld als solches schafft nichts Nützliches für den Verbraucher und Nutzer, den mit dem Stück kann man nur etwas anfangen, wenn es etwas dafür gibt. Geld ist für sich selbst stehend unfruchtbar, steril, da nur eine mit dem Geldwert verbundene Arbeitsleistung etwas erwirtschaftet, was Frucht und Nutzen bringt. Denn ohne Arbeit gibt es keine Güter, die man mit Geld erwerben könnte. So bleibt das Geld trotz des fiktiven Eigenwertes eigentlich wertlos. Hier ist noch die Verachtung zu spüren, die Franziskus dem Geld entgegenbrachte. Der Schweiß der Arbeit und der konkrete Mensch, der arbeitet, ist der eigentlich Wert und nicht die gehortete Münze, deren Wert nur eine gesellschaftliche Fiktion ist, der man allerdings verfallen kann und damit meist die eigene Menschlichkeit verliert.

Prinzip der Arbeit:

In den Blick kommt so gerade die Bedeutung der Arbeit. Das Kaufen und Verkaufen (der Handel) muss als eine Form der Dienstleistung an der Gesellschaft und dadurch mit dem Aspekt der Arbeit verbunden sein. Dabei werden mehrere Dimensionen der Arbeit unterschieden. „Labor“, die Handarbeit, „industria“ die mehr intellektuelle Arbeit, und „ministerium“ als geistig-geistliche Arbeit, letztere darf nicht verkauft und gekauft werden kann. Mit dem Verbot die geistig-geistliche Arbeit zu handeln wird verhindert, dass der Klerus sich durch Geschäftemacherei bereichert (Simonie). Begründet wird dies damit, dass Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieben habe. Natürlich wendet sich das gegen den Verkauf von religiösen Dingen, gegen den Ablasshandel und den kirchlichen Kommerz. Grundsätzlich besitzt dann die Arbeit einen höheren Wert als das Geld, da das Geld aus sich heraus Nichts erbringt. Arbeit erfordert deshalb eine an der Produktion und dem Handel proportional gerechte Bezahlung, das Brot der Gerechtigkeit. Der Wert der Arbeit als Kostenfaktor berücksichtigt dabei die jeweils erforderliche Ausbildung, die für die Erbringung der Arbeitsleistung notwendig ist.

So wird dann der Preis einer Arbeitseinheit folgendermaßen berechnet: Nützlichkeit der Arbeit für die Erstellung des Endproduktes + Verfügbarkeit der konkret notwendigen Arbeitsleitung + Ausbildung + Qualifikation + Dauer des Arbeitsaufwandes.

Preistheorie:

Das Verhältnis von Arbeit, Ware und Kapital wirft die Frage nach der Preisgestaltung auf. Norm wird die Rede vom Gerechten Preis. Der Gerechte Preis richtet sich nach dem Prinzip der Gleichwertigkeit der Teilnehmer am Markt und berücksichtigt auch einen Anreiz, um sich am Marktgeschehen zu beteiligen. Eine Sache hat den Verkaufswert, der erzielt werden kann unter der Berücksichtigung von fachlichem Können des Verkäufers, dem Nutzen der Ware für den Käufer auf Grund seines Bedarfes oder Wunsches, ohne die Situation des Verkäufers oder des Käufers dabei auszunutzen.

Kostenprinzip:

Einen gerechten Preis in den Blick nehmend werden nach und nach die verschiedenen Elemente der Preisberechnung in einem Kostenprinzip konkretisiert. Dabei wird folgende Zusammenstellung als sinnvoll und als gerecht erachtet: die Kosten der Ware oder der Dienstleistung also solche + die Anrechnung eines Profits zum angemessenen Lebensunterhalt des Händlers, Kaufmanns oder Dienstleisters (incl. seiner Familie) + einen angemessenen Gewinn als Anreiz auf dem Markt tätig zu werden + die Kosten, die sich aus der Verfügbarkeit der Ware und der Produktions-, sowie der Transportmöglichkeit ergeben + die Berücksichtigung der Konkurrenzsituation auf dem Markt. Zum ersten Mal wird dabei für die christliche Welt die moralische Legitimität eines angemessenen, aber nicht übermäßigen, Profits durch die am Markt erbrachte ehrliche Arbeit gerechtfertigt.

Kostengesetz:

Da sich die Partner des Marktgeschehens nicht nur sporadisch oder gelegentlich mit ihren Gütern oder Leistungen einbringen wird sehr schnell auch eine längerfristige gültige Berechnung entstehender Kosten am Markt notwendig. Dazu entwickelt vor allem der Franziskanerphilosoph und -theologe Johannes Duns Skotus ein Kostengesetz, das bis heute seine Gültigkeit nicht verloren hat. Er lehrt, dass langfristig die Produktionskosten den aus der Praxis errechneten Durchschnittskosten entsprechen. Deshalb werden die fixen Kosten in einem Durchschnittswert auf längerfristige Perioden aufgeteilt und so verringert sich im Einzelfall die Anrechnung der fixen Kosten auf den Preis.

Nutzenprinzip:

In der Situation von Nachfrage und Angebot auf einem freien Markt tritt sehr bald auch ein sogenanntes Nutzenprinzip in den Blickpunkt. Das Nutzenprinzip basiert zunächst auf dem Objektwert der Ware oder Dienstleistung, der sich folgendermaßen zusammensetzt: ein Selbstwert + die Verfügbarkeit + die Nützlichkeit + die Quantität des Objektes + das Aussehen und die Schönheit, mit anderen Worten die Qualität des Objektes. Der Objektwert, auf den der Endpreis sich schließlich bezieht, setzt sich folglich aus einer objektiven und einer subjektiven Nützlichkeit zusammen. Diese Erklärung des Nutzenprinzipes durch Petrus Johannis-Olivi bringt die objektiven Gegebenheiten mit den subjektiven, oft auch subtil unbewussten Kaufkriterien zusammen ins Spiel.

Die angebotene Ware oder Dienstleistung hat einen Nutzen für den Käufer, der proportional berechenbar ist und so in die Kalkulation der Preisabsprache mit einbezogen werden kann. Dabei wird zwischen dem Sachwert und der Nützlichkeit unterschieden. Der Nutzen des abgeschlossenen Handels muss dann aber für alle beteiligten Seiten der Theorie der Ebenbürtigkeit entsprechen. Das heißt, auch die subjektiven Motive der Nützlichkeit müssen offengelegt werden und dürfen nicht von einem der Partner zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden. Konkret bedeutet dies zum Beispiel, dass eine subtile suggestive Reklame, das Aufschwatzen von minderwertiger Ware, oder das Übervorteilen durch die Ausnutzung von Gefühlslagen oder einer Notlage grundsätzlich als unmoralisch gelten. Das Nutzenprinzip entspricht der Regel des gerechten Tausches, welche einen gegenseitigen Gewinn erfordert, wir sagen heute eine win-win Situation herbeiführen soll.

Prinzip der Schadloshaltung:

Da bei vielen Geschäftsabschlüssen auch Risiken der verschiedensten Art entstehen können, die in der Folge einen gegenseitigen Gewinn verunmöglichen, wird auch dieser möglichen Situation in einem Prinzip der Schadloshaltung Rechnung getragen. In die Preisberechnung kann eine Quote mit einbezogen werden, die bei Waren, welche einer gewissen Gefahr (z.B. des Transportes) unterliegen als Entschädigung für eine etwaige Minderung des Wertes oder gar den Verlust der Ware berechnet wird. Niemand braucht zu seinem eigenen Schaden am Markt teilzunehmen. Dazu wird zwischen Risikokosten und einem möglichen Verlustgeschäft unterschieden.

Gratuitas:

Die große Leistung der franziskanischen Wirtschaftslehre zeigt sich allerdings nicht allein in der Erarbeitung von Regeln des Marktes und ihrer moralischen Bewertung. Ganz aus der spirituellen und religiösen Gesinnung führen die Franziskaner auf Grund biblischer Inspiration das Element der „Gratuitas“, des „Gratis“ in das Wirtschaftsgeschehen ein. Zunächst einmal hat diese „Gratuitas“ eine ganz pragmatische Bedeutung. Denn bei einem Kaufvertrag gleich welcher Art bedarf die Einigung immer eines Kompromisses, wobei unter der Berücksichtigung des gerechten, gegenseitigen Vorteils jeder auf einen Teil seines Vorteils oder seiner Forderung verzichten muss, um überhaupt zu einer Einigung zu kommen. Dieser Verzicht auf etwaige mögliche weitere Forderungen, um zu einem gerechten Kompromiss zu kommen wird als „Gratuitas“, als „unentgeltlich“ bezeichnet. Jeder Kaufvertrag hat so auch seine „unentgeltliche“ Seite. Die „Gratuitas“ manifestiert sich auf dem Boden des gegenseitigen Vertrauens und im guten Willen zu einem Abschluss kommen zu wollen, der allen Seiten dient. Dieses Vertrauen und der gute Wille sind die Voraussetzung für jeden Handel. Über diese Bedeutung für das Vertragswesen hinaus bekommt die „Gratuitas“ eine sozial-politische Bedeutung. Den freien und gerechten Markt gibt es nur da und er funktioniert nur dort, wo die Mehrheit einer Population überhaupt erst am Marktgeschehen teilnehmen können. Das setzt eine Vermögens- und Besitzverteilung voraus, die möglichst Viele graduell am Wohlstand teilhaben lässt. Denn nur wer auch finanziell in der Lage ist kann am Marktgeschehen frei und ohne Zwang teilnehmen. Da aber die Erfahrung zeigt, dass es immer wieder aus den verschiedensten Gründen breite Bevölkerungsschichten gibt, die nicht am allgemeinen Wohlstand teilnehmen können, und aus sich selbst heraus auch nicht in der Lage sind sich einen solchen notwendigen und gerechten Wohlstand zu erwirtschaften, bedarf es einer Intervention im Sinne eines sozial orientierten Marktes durch die wohlhabenden Teilnehmer des Marktes. Oder aber wo dies verweigert wird durch die verantwortliche Autorität. Eine solche Intervention soll die Mehrheit der Bevölkerung in jene Lage versetzten am Markt teilzunehmen und sich am Markt durch eigene Leistung einen notwendigen Wohlstand zu erwirtschaften. Die Notwendigkeit möglichst Viele, wenn nicht gar Alle, am Markt teilnehmen lassen zu können bedarf aber eines günstigen Startkapitals in Form einer Starthilfe zu vorteilhaften Bedingungen, um die sozial Schwachen in die Lage zu versetzen am Marktgeschehen teilzunehmen und sich selbst einen notwendigen Wohlstand zu erwirtschaften. Dieses von den wohlhabenderen Marktteilnehmern gegebene Startkapital wird als „Gratuitas“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um keine Almosen, denn es liegt im eigenen Interesse eines jeden freien und gerechten Marktes möglichst Viele zu beteiligen ansonsten richtet der Markt sich längerfristig selbst zu Grunde, wenn breite Schichten der Bevölkerung von der Teilnahme am Markt ausgeschlossen sind..

Kreditrechnung:

Ein solches Startkapital, die „Gratuitas“, kann durchaus in der Form eines Kredites zur Verfügung gestellt werden. Da aber das Kreditwesen und vor allem die damit verbundene Zinswirtschaft von der Kirche als unmoralisch verboten war bedurfte es einer ausführlichen Reflektion über die moralischen Bedingungen der Kreditwirtschaft. Auf Grund einer historisch längeren Auseinandersetzung wurde schließlich durch die Franziskaner eine damals moralisch legitime Kreditrechnung aufgestellt. Diese sah die Rückzahlung des entliehenen Betrages + eine Aufwandsentschädigung für die Verwaltungskosten + etwaige Risikokosten bei Kreditausfall + dem Preis für das gekaufte Recht die geliehene Summe für den eigenen Gewinn oder Profit einzusetzen vor. Wer sich also Geld lieh tat dies, um mit dem geliehenen Geld einen Gewinn zu erwirtschaften. Der Kreditgeber wird dann proportional an diesem Gewinn beteiligt. Eine solche Gewinnbeteiligung wird beim Kreditabschluss vorab auf der Basis des gerechten Ausgleichs vereinbart. Darüber hinaus besteht weiterhin ein Zinsverbot, da Zins als Wucher gilt.

Tugendlehre des Marktes:

Die Lehre vom freien Markt und die aufgestellten Spielregeln damit dieser gerecht und zum Wohl der Allgemeinheit funktioniert ist zunächst eine Theorie, die in die Realität umgesetzt werden muss. Ganz realistisch sehen die franziskanischen Lehrer die Idee des freien Marktes zunächst als eine abstrakte Fiktion, die so in der Wirklichkeit nicht existiert. „Den Markt“ als solchen gibt es nicht, es gibt nur Menschen, die durch ihr Tun und Handeln einen solchen Markt erst schaffen und bilden. Die Idee des freien Marktes funktioniert folglich nur, wenn sich alle Beteiligten an die Grundregeln dieses Marktes halten. Die Realität aber zeigt, dass der Mensch aus sich heraus wenig geneigt ist sich für einen gerechten freien Markt und das Wohl Aller einzusetzen, vor allem, wenn ihn das etwas kostet. Die Franziskaner rechnen da ganz wirklichkeitsnah mit der, theologisch gesprochen, Sündhaftigkeit des Menschen, der zunächst erst einmal seinen eigenen Vorteil im Blick hat und eben dazu neigt aus dem Markt zum Schaden für Andere für sich selbst Kapital zu schlagen. Skrupellose Gier nach Macht, Besitz und Reichtum werden eben oft mehr oder weniger offen unter dem Deckmantel eines Einsatzes für den freien Markt ausgelebt. Deshalb bedarf der freie Markt jener Regeln, die ihn zum eigenen Schutz vor jedem Missbrauch schützen und seine Funktion zum Wohl Aller beizutragen sicherstellen. Solche marktgerechten Regeln müssen auch durch ethische und moralische Grundeinstellungen der Teilnehmer am Markt begründet werden, sonst werden sie zu einem bloßen Vorschriftenkatalog, der mit raffinierten Machenschaften umgangen wird. Ganz zeitgenössisch werden daher von den Franziskanern solche moralischen und ethischen Grundeinstellungen in einem sogenannten Tugendkatalog aufgestellt. Eine Tugend ist dabei die Umsetzung des Appetits auf das Gute, das sich durchaus auch im Materiellen zeigen kann, in einer konkreten Situation. Der Appetit auf das gute Gelingen der Marktwirtschaft wird nun besonders durch die Tugenden der Freundlichkeit, der Barmherzigkeit, der Freiheit, der Freigebigkeit, sowie der Großzügigkeit und der Gerechtigkeit gesättigt.

Heutige Problemlage:

Heute können wir feststellen, dass die Theorie des freien Marktes geradezu als Alibi für unsoziales Verhalten und einen aggressiven Liberalismus hochgehalten wird. Das „der Markt“ sich durch eine solche Ausrichtung selbst zerstört wird durch die sich in immer kürzeren Zeitabständen zuspitzenden Wirtschaftskrisen immer deutlicher. Kurzfristige Lösungen ohne eine grundlegende Veränderung des Marktverhaltens und der menschlichen Grundeinstellungen können den Absturz der Märkte nur noch herauszögern, aber nicht mehr verhindern. Da bedarf es einer regelrechten Wurzelbehandlung an den Grundeinstellungen, die zu der dramatischen Zuspitzung auf den Weltmärkten führen. Da müssen auch die derzeit geltenden theoretische Grundlagen neu hinterfragt werden. Die heutigen theoretischen Grundlagen gehen auf Thomas Hobbes, Adam Smith, David Hume, Arnold Gehlen und viele andere zurück. Im Vordergrund steht ein Modell des rational seinen Vorteil suchenden Menschen, der als Mängelwesen dargestellt wird. Zum eigenen Vorteil versucht nun der Mensch seine Mängel zu beheben und dieses Verhalten der Mängelbehebung ist sozusagen der Motor, der die Wirtschaft ankurbelt. Damit die Mängel aber nicht irgendwann gesättigt erscheinen müssen eben immer neue Mängel suggeriert werden, um die Produktion am Laufen zu halten. Dieses Modell wird zum Erklärungsansatz für die Kultur, das Recht, die Ökonomie und auch die Religion.

Die Ökonomie ist mangelorientiert und hat die Mangelkonkurrenz als Leitidee und fördert die Maximierung des eigenen Wohlstandes. Zur Befriedigung des Mangels bedarf die Ökonomie der individuellen Nutzenmaximierung. Diese Einstellung prägt auch das heutige Gesellschaftsbild. Die Gesellschaft besteht aus Individuen, die in freiem Interagieren (Handel) ihre persönlichen Lüste und Interessen befriedigen. Im Mittelpunkt steht die Devise: der einzelne Mensch soll mit möglichst geringem Aufwand ein Maximum an Teilhabe an den begrenzten Gütern erlangen. Diese eigentlich egoistische und jeder sozialen Einstellung fremde und dem Allgemeinwohl schädliche Grundeinstellung wird sogar hoffähig im sogenannten Effizienzprinzip.

Anthropologisch gesehen stehen wir damit vor einer Verwechslung von Lebensfülle mit der Aufhebung eines Mangels durch Akkumulation. Diese anthropologische Fehlinterpretation, die die Wirtschaftslehre heute forciert führt zur Füllesuggestion durch Addition und Multiplikation von Menge und vermehrbarer Masse. Diese Einstellung wird aber heute mit dem Wissen um die Begrenzung der Ressourcen und der Zerstörung der Umwelt konfrontiert. Besonders eklatant zeigt sich diese Wirtschaftspolitik in der Akkumulation von Geldwerten indem der Geldmarkt in der Praxis vom wirklichen Marktgeschehen abgetrennt wurde und quasi ein Eigenleben führt, welches mit der Realität eines Marktes von Gütern, Waren und Dienstleistungen nicht mehr viel zu tun hat, sich aber aus Spekulationen, Geldwetten, Valuta Ab- und -Aufwertungen, sowie Risikogeschäften nährt. Die Akkumulation immer größer werdende Summen Geldvermögens wird anthropologisch als Ersatz für die Lebensfülle gewertet. Dieses Geldvermögen bleibt aber nur eine Abstrakte und potenzielle Erfüllung und Aufhebung des Mangels an Lebensfülle. Der heutige Kapitalismus ersetzt mehr und mehr die wirklichen Ressourcen durch das akkumulierte Geld, das ja auch nur als Computergröße existiert, als Fiktion des Überlebens, denn Geld kann niemand essen und von Geld kann man sich auch kein geglücktes Leben kaufen.

Da die Erfüllung des Mangels mit Lebensfülle verwechselt wird werden die rationalen Vorgänge der Mangelbehebung durch den Markt nicht mehr verstandesmäßig gelöst, sondern ökonomisch relevante Entscheidungen kommen auf der Grundlage von Befindlichkeiten, emotionalen Befürchtungen und Phantasterei zustande. Durch diese Mechanismen zerstört der Markt sich selbst, um dies festzustellen braucht man kein Prophet zu sein.

Ein Ausweg bietet sich in der Überwindung der Vorstellung eines auf das Individuum begrenzten und isolierten Mangelmanagements in der Interaktion an, die die Lebensmöglichkeit Aller sichert und so den Markt schafft, durch den möglichst Alle ihre Lebensgrundlage gewinnen. Die Religion und der damit verbundene franziskanische Ansatz bieten hier durch ihre „Tugendlehre“ eine Möglichkeit zur Humanisierung des menschlichen, den Markt zerstörenden Begehrens.

Theologisch ist Lebensfülle eben nicht das Ende eines Mangels oder dessen Behebung, sondern Fülle ist das fortdauernde freudige Begehren des Guten, dessen, was mir und meiner Mitwelt guttut und zu einem gelungenen Leben dient.

Ausgehend von einer theologischen Betrachtung werden daher für die Ökonomie aus der franziskanischen Tradition heraus grundlegende menschliche und ethische Eigenschaft herausgestellt: a) Kommunion und Gemeinschaft, b) „Liberalitas“ und Großzügigkeit, c) Bonität und Güte, d) Integrität und Lauterkeit.

a) Die theologische Sicht Gottes als der Dreifaltigkeit wird als Kommunion und intimer Gemeinschaft zwischen Gott-Vater und Gott-Sohn im Heiligen Geist zum Vorbild für die verschiedenen Dimensionen des menschlichen Zusammenlebens. Im Bereich der Ökonomie zeigt sich der Wert der Kommunion und Gemeinschaft im Konzept der Gleichberechtigung aller am Markt Beteiligten, welche gerechte Verträge und Pakte erfordert, die für alle Seiten gewinnbringende Möglichkeiten erschließen. Die theologische Sicht der Gemeinschaft wird zur Grundlage einer gerechten Gewinnverteilung auf alle Beteiligten. Dies schließt den sogenannten gerechten Preis mit ein, der keinen übervorteilt.

b) In der theologischen Betrachtung wird der Gott entdeckt, der in seiner großzügigen Freigebigkeit die Fülle und die Vielfalt der Geschöpfe und der natürlichen Ressourcen geschaffen hat, die jetzt dem Menschen auch zum Leben dienen. In der Ökonomie wird von diesem theologischen Verständnis ausgehend dem wilden, ungezähmten Liberalismus, der nur jene fördert die schon Alles haben und die bereits Schwachen ausnutzt und noch mehr benachteiligt, das Modell der „Liberalitas“, der großzügigen Freigebigkeit gegenübergestellt. Die „Liberalitas“ soll den Schwächeren eine großzügige Starthilfe geben, um am Wirtschaftsleben teilnehmen zu können. Die Großzügigkeit soll den Teufelskreislauf von Verschuldung, Elend, Abhängigkeit und damit verbundener wachsender Kriminalität und einem dadurch drohenden Wirtschaftschaos beenden helfen. (Vgl. z.B. Schuldenerlass zur Jahrtausendwende)

c) Für die franziskanische geprägte Theologie ist Gott das „Höchste Gute“, der sich in Jesus Christus selbst verschenkt, damit alle Geschöpfe die Lebensfülle finden (die Betonung liegt auf „alle Geschöpfe“). Ausgehend von dieser theologisch-spirituellen Sichtweise wird die Bonität zu einem wesentlichen Modell der Ökonomie. Der Begriff Bonität hat in diesem Zusammenhang nicht nur die Bedeutung von Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit. Vielmehr wird der Begriff der Bonität von seinem eigentlichen Wortsinn her verstanden als kaufmännische Solidarität, als Güte und Qualität der Beziehung, die den Anderen in die Lage versetzt so am Markt teilzunehmen, dass er wenigstens etwas mehr als das Lebensnotwendige erwerben kann. Die Bonität beinhaltet aber auch, dass es Güter gibt, die nicht privatisiert werden dürfen, sondern als Lebensgrundlage Allen gehören, z.B. das Wasser.

d) Aus der Schöpfungstheologie begründet die franziskanische Tradition die Sichtweise der Integrität der Schöpfung, welche eine Haltung der Ehrfurcht des Menschen gegenüber der Schöpfung erfordert. In der Ökonomie führt dies zu einer Sicht- und Handlungsweise der Bewahrung der Schöpfung oder der Umweltgerechtigkeit, wie wir heute sagen.

Die Schöpfung und die Güter dieser Welt mit Lauterkeit zu betrachten bedeutet sie eben nicht nur als ökonomische Ressourcen und Konsumgüter auszubeuten, zu verschwenden und einem grenzenlosen Fortschritt, der nur wenigen Menschen zu Gute kommt, zu opfern. Im Vordergrund steht der Schutz der Natur und die Nachhaltigkeit im Verbrauch (usus pauper), so dass sich die Natur immer wieder regenerieren kann

Prinzipien einer „New Economy“ aus franziskanischer Perspektive

Aus der franziskanischen Tradition heraus ergeben sich nun einige Prinzipien und Perspektiven, die eine „New Economy“ anregen wollen.

Transparenz und Gegenseitigkeit in allen Dingen: alle Güter, alle ökonomischen Aktivitäten und Dienstleistungen stehen im Dienst am Ganzen (Holismus).

Gerechtigkeit: das Individuum und die Gemeinschaft erhalten, was sie nötig haben und steuern zum allgemeinen Wohl und zum Aufbau der Gesellschaft bei, was ihnen möglich ist. Das Anspruchsdenken wird durch die Bereitschaft zur Dienstleistung ersetzt und dies erfordert die lebensnotwendige Bereitschaft zum Umdenken und zum anders handeln.

Teilhabe: es werden Marktmechanismen geschaffen und eingeführt, die die Zusammenarbeit aller am Markt beteiligten fördert, die Beherrschung durch Wenige und die Deprivation Vieler überwindet.

Solidarität und Subsidiarität: Überfluss wird aufgewendet, um zunächst wirklicher Not abzuhelfen und die Möglichkeit der Hilfe zur Selbsthilfe aufzubauen. Die Vielfalt und Vielgestaltigkeit des Marktes wird gefördert und nicht durch Monopolismus eingeebnet.

Genügsamkeit: die Nutzung des notwendigen Minimus der Ressourcen und nicht die Ausbeutung des überflüssigen Maximums. Ein erarbeiteter, genügsamer Lebensstil, damit möglichst Viele sich das zum Leben genügende erarbeiten können.

Zirkulation: das Kapital wird nicht in den Depots Weniger gehortet, sondern es wird eingesetzt damit es durch die Zirkulation des Markes Wohlstand für Viele und das Lebensnotwendige für Alle erbringen kann.

Die Entwicklung von Strategien, die die wirtschaftliche Entwicklung mit dem ökologischen Gleichgewicht verbindet.

Die Erarbeitung von Modellen der Wirtschaftlichkeit, die nicht auf den verschwenderischen Konsum orientiert sind, sondern durch Nachhaltigkeit möglichst Viele in die Lage versetzt am Marktgeschehen teilzunehmen und die Ressourcen auch für kommende Generationen bewahrt.

Der Ausgleich der freien Marktwirtschaft durch Institutionen, Gesetze und Regeln, die die Teilhabe am freien Markt Allen erschließen, die die Benachteiligten am Markt im Wirtschaftsleben so integriert, dass auch sie am wachsenden Wohlstand beteiligt werden und für alle das Lebensnotwendige erwerbbar ist.

Dies bedeutet einige Wirtschaftsmodelle zu überdenken und zu ändern:

a) Das derzeitige Wachstumsmodell: durch den Einsatz von immer mehr materiellen Gütern, welche den zügellosen Konsumbedarf befriedigen sollen, verbunden mit der Schaffung von künstlichen Bedürfnissen, führt zu einem enormen Verbrauch von Ressourcen, verschwendet zu viel Energie und schafft gleichzeitig Armut. Statt dieses Wirtschaftswachstumsmodell, das nur die Produktion in den Blick nimmt, bedarf es eines Wirtschaftsentwicklungs- und Bildungsmodells, das die holistische Lebenswelt in den Blick nimmt.

b) das materialistische und utilitaristische, verbrauchende Wirtschaftsmodell muss durch ein Lebenswertemodell und Qualitätsmodell ersetzt werden.

c) das individualistisches und hedonistisches Wirtschaftsmodell muss in einem Gemeinschaft und Sinn orientierten Modell aufgehen.

d) die Fortschreibung der Bruttoinlandsproduktmessung sollte durch eine holistische Lebensqualitätsfeststellung ergänzt werden.

Auch für das persönliche Leben ergeben sich einige Verhaltensweisen, die einer „neuen Ökonomie“ entsprechen:

a) Statt Befriedigung der Wünsche, befrieden der Wünsche;

b) Statt wegwerfen, entsorgen;

c) Statt frenetisch auswechseln, wachsen und reifen;

d) Statt Verschwendung, Genügsamkeit als Freiheit durch Verzicht;

e) Statt Ausnutzung, sorgsamer Umgang;

f) Statt Aneignung, Teilen;

g) Statt Spottpreis eine angemessene Bezahlung.

Literaturhinweise:

Bazzichi Oreste, Dall’usuraalgiustoprofitto.L’eticaeconomicadellaScuolafrancescana, Effata‘ Editrice, Cantalupa 2008.

Langholm Odd, EconomicsintheMedievalSchools, Brill, Leiden 1992.

Todeschini Giacomo, RicchezzaFrancescana.Dallapovertàvolontariaallasocietàdimercato, il Mulino, Bologna 2004.

© 2020, JBF, MZF