Der beflügelte Franziskus: wie Einfalt und Einfachheit die Welt beflügeln
Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung ‚Franziskus – Licht aus Assisi‘, Diözesanmuseum Paderborn 9.12.2011-6.5.2012

Die Darstellung des beflügelten Franziskus will auf die Ursprünge und Absichten des missionarischen Konzeptes verweisen, mit dem die Franziskaner, im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt in die Neue Welt kamen. Mit diesem Bild werden die programmatischen Ideale der Urkirche, Paradiesvorstellungen und endzeitlich-millenaristische Erwartungen zusammengefasst und in der Gestalt des beflügelten Franziskus dem Betrachter vor Augen gestellt. Der Bildtypus will nicht an Ideale der Vergangenheit erinnern und ihre eventuelle Wiederbelebung anmahnen, vielmehr wird der Betrachter durch subtile Hinweise auf Zukunftswerte provoziert. Zukunftswerte, welche eben in der Gestalt des beflügelten Franziskus nun auch den Betrachtenden selbst beflügeln sollen jene in den franziskanischen Idealen umrissene Neue Welt anzustreben. Mit dem beflügelten Franziskus stehen wir vor einem Bildtypus, der nicht die Vergangenheit zur Schau stellen will, sondern eben bildhaft auf eine mögliche Zukunft verweist. Damit wird auf eine durchaus traditionelle Interpretation des Heiligen von Assisi zurückgegriffen, die selbst der, mit Sicherheit nicht den millenaristischen Utopien seiner Zeit verfallene, Biograph Celano, im Auftrage des Papstes schreibend, zur Sprache bringt, wenn er vom „Heiligen Gottes, der allen als Mensch des anderen Zeitalters erschien (Homo alterius saeculi)“ (vgl. 1 C 36 und 1 C 82) spricht.
In neuerer Zeit wurde diese zukunftsträchtige Interpretation des Poverello von Chesterton aufgegriffen: „Franziskus hat alles vorweggenommen, was unser modernes Denken an Weitherzigkeit und an Mitgefühl in sich birgt: die Liebe zur Natur, die Liebe zu den Tieren, den Sinn für soziale Verpflichtung, den Blick für die geistigen Gefahren des Wohlstandes und selbst des Besitzes.“ (Gilbert Keith Chesterton, 1874‐1936). Auch die sich eher dem kommunistischen Umfeld zuordnende Regisseurin Lilian Cavani äußerte sich nach ihrem Franziskusfilm so über Franziskus: „er ist kein Mann der Vergangenheit, kein Mann der Gegenwart, eher eine Figur der Zukunft … wenn die Menschen überleben wollen, müssen sie ein bisschen mehr wie er werden.“
Als so beflügelter Mann der Zukunft wird Franziskus von einer Ausstellung, die ja Dinge öffentlich zur Schau stellen will und diese damit an einem bestimmten Ort zum Stehen bringt, schwer fassbar. Er fliegt uns einfach davon und lässt sich nur schwer durch Gegenstände, die aus seiner und unserer Vergangenheit kommen dingfest machen. Aber Dinge, an denen wir uns festmachen können, die unsere Überzeugungen, Vorstellungen und Ideen aufgrund bewährter historischer Bedeutung stabilisieren betrachten wir gerne. Sie geben uns eine gewisse Sicherheit und Orientierung, manchmal verschönern und verzaubern sie uns auch den oft genug grauen Alltag. Wir leben eben eher von der Vergangenheit. Leider entzieht sich unser beflügelter Franziskus einer solchen Betrachtung, die sich allzu oft mit der nostalgischen Sehnsucht nach der Rückkehr zu den Quellen verbindet. Da lässt sich der Poverello wohl schon eher mal in einer jener provozierenden Vernissagen nieder, die uns ratlos, manchmal auch etwas verstört und vor allem in der Sicherheit unserer eigenen Meinung gestört in unseren Alltag entlassen. Dabei scheint Franziskus eigentlich gar kein Störenfried zu sein, so beliebt wie er aus den unterschiedlichsten Gründen bei Allen ist. Oft genug haben wir das Bild eines all gefälligen Franziskus vor Augen. Er scheint für jede Vorstellung etwas zu bieten und ist auch für gegensätzliche Begründungen verwertbar. So zeigen uns eben viele Darstellungen den Franziskus, der eben aus welchem Interesse heraus auch immer, dargestellt werden soll. So schön und beeindruckend das auch Alles ist, so manche Darstellung ist da eben der Franziskus im Kleid des Auftraggebers. Mit der historischen Gestalt hat das oft wenig zu tun, dann doch wohl öfter mit dem Franziskus, den man gerne dargestellt haben will. Vielleicht war und ist Franziskus eben auch gerade deshalb so beliebt, weil er sich in seiner Einfalt als Schablone für Vieles hergibt, was wir Menschen unter seinem Namen für eine Verbesserung und eine Verschönerung unserer Welt für wichtig erachten. Was mir da an einer Ausstellung deutlich wird, wo vieles von dieser Vielfalt und auch Gegensätzlichkeit der Interpretationen ausgestellt wird, ist die Rolle des Franziskus als eine Art lebendiger Spiegel zur Illustration unserer menschlichen Ideen, Utopien, Werte und Hoffnungen. Dabei hat er durchaus eine Doppelrolle: er beflügelt, inspiriert, stellt in Frage und provoziert neue Horizonte, Möglichkeiten und Werte einer zukünftigen, besseren Welt; gleichzeitig aber bietet er sich an als Projektionsfolie für unsere eigenen Ideen, Vorstellungen, Sehnsüchte und Festlegungen. Was unter seinem Namen alles dargestellt und geschrieben wurde und wird hat keinen Platz in einer Ausstellung. Vielleicht spricht er deshalb so viele Menschen verschiedenster Provenienz, Kultur und Religion an, weil er sich in seiner demütigen Einfachheit als Katalysator anbietet, der die Armseligkeit unserer Realität entblößt ohne uns zu beschämen und uns gleichzeitig beflügelt mit ihm neue Horizonte anzustreben. Für diese Rolle disponieren ihn geradezu seine sympathische Einfalt und seine überzeugende Einfachheit. Seine im etymologischen Sinne des Begriffes Einfalt aufrichtige, gutmütige und arglose, reine Beschaffenheit des Gemütes duldet alle unsere Vorstellungen und Bilder, die wir uns von ihm machen. Aber zugleich rückt er unsere Vorstellungen und Bilder in seiner überzeugenden Einfachheit zurecht, in dem er uns in der Begegnung mit sich die innerste Wahrheit über uns selbst und unser Menschsein in Erinnerung ruft: „Was der Mensch vor Gott ist, das ist er“. Dies tut er nicht im Geist der Verurteilung, weil wir alle hinter uns selbst und all unseren guten Vorsätzen zurückbleiben, sondern im Geist jener Verheißung die uns zeigt, was aus uns und dieser Welt in Zukunft noch alles an Gutem werden kann, wenn wir uns, wie er, der innersten Liebe des Lebens, die Gott uns schenkt öffnen. Je mehr es einer Ausstellung gelingt die Augen und die Herzen der Besucher für diese Verheißung zu öffnen umso authentischer bringen die Ausstellungsstücke den wirklichen Franziskus nahe.
Es ist geradezu diese Dynamik der franziskanischen Einfalt und Einfachheit, die auf eine in Gott mögliche bessere Zukunft verweist, die Menschen vieler Epochen und Kulturen im Geiste des Heiligen aus Assisi inspirierte und beflügelte. In diesem Sinne können wir in Anklang an den auf den christlichen Glauben bezogenen Spruch der Kirchenväter: „ex oriente lux“ vom „Licht aus Assisi“ sprechen.
In diesem Licht sehen wir zunächst die „Forma vitae“ und die daraus erwachsende Spiritualität des Franziskus und der frühfranziskanischen Bruderschaft. Sie bringen eine solche kreative Dynamik hervor, dass die späteren Franziskanergenerationen selbst, im Namen des Franziskus, zu Schöpfern, Produzenten und Trägern einer umfassenden Kultur werden. Wir finden die produktive Kultur der franziskanischen Tradition in den Bereichen der Literatur, der Malerei, der Plastik, der Architektur, in Musik und Theater, selbst in den Naturwissenschaften und schließlich in einer blütenreichen Entfaltung der Volksfrömmigkeit. Der produktivste Bereich findet sich wohl in der Literatur: Traktate und Legenden über den Ordensvater, Predigtbücher, Texte der Mystik, Bibelkommentare, historische Bücher, philosophische und theologische Schriften, Poesie und wissenschaftliche Veröffentlichungen jedweder Relevanz. Im künstlerischen Bereich können wir die Entwicklung einer umfangreichen franziskanischen Ikonografie in Verbindung mit einer schlichten Architektur finden. Die Kompositionen der Musik bereichern insbesondere die Liturgie, während die Schauspielkunst das Leben Jesu und der Heiligen darstellt, um die Teilnahme des gläubigen Volkes am Leben Jesu und der Heiligen zu stimulieren. All das verbindet sich mit der kulturellen Förderung einer umfangreichen Volksfrömmigkeit. Hier finden wir unter vielem anderen insbesondere die Darstellungen der Krippe und des Kreuzweges. Nicht zuletzt bereichert diese franziskanische Kultur durch ihre Forschungsarbeit die verschiedenen Wissenschaften, wie die Mathematik, die Optik, die Technik, die Astronomie und sogar die Buchführung. Alles im Namen des Heiligen aus Assisi. Da können wir wahrhaft vom Licht aus Assisi sprechen, das jede nostalgische Frömmelei überstrahlt.
Ausgangspunkt dieser enormen Schaffung von religiöser, wissenschaftlicher und populärer Kultur, war das Ursprungscharisma der Minderbrüder, das in der je neuen Entdeckung des Gründers und seiner authentischen Anliegen in jedem Jahrhundert und unter je neuen Umständen wieder aufgespürt werden musste. Gerade diese Notwendigkeit das Urcharisma als Weg in die Zukunft je neu zu finden hat zu dieser umfangreichen Herstellung von Kulturobjekten, wie wir sie auch in dieser Ausstellung sehen werden, beigetragen. Gerade die Auseinandersetzung mit dem authentischen Charisma des Franziskus hat zu immer neuen, in die jeweilige Zeit inkulturierten, Darstellungen und Ausdrucksformen geführt. Kern der Auseinandersetzung um das Ursprungscharisma war dabei gerade immer der Ruf nach dem Rückgriff auf die ursprüngliche „Simplicitas“, die Einfalt und Einfachheit des Anfangs. Man kann dann nur staunend durch die Ausstellung gehen, um zu entdecken, welchen Reichtum an Farben, Bildern, Texten, an Kunstfertigkeit, Stil und Eleganz uns der jahrhundertelange Streit um die Einfalt und Einfachheit des Armen aus Assisi geschenkt hat.
Die Einfalt und Einfachheit der franziskanischen Ursprünge hat eben nicht nur herbe Askese, Abtötung der Sinne und skrupellose Armut hervorgebracht, sondern daneben auch die legitime Lust am Schönen, die Freude am Leben und die atemberaubende Inspiration zum Höchsten Guten. Die Braut Armut als Personifizierung der Einfalt und Einfachheit, mit der Franziskus vermählt wird, wie auf dem Plakat zur Ausstellung wiedergegeben, ist eben keine hässliche, alte Juffer, sondern eine zwar arme, aber durchaus noch ansehnliche Frau. Aber genau dieses Bild stellt uns das Paradoxon der franziskanischen Anfangszeit vor Augen: im Verhärmten noch das Schöne zu entdecken, am Armseligen noch Freude zu haben und im Mangel doch noch Leben zu finden. Ein scheinbarer Widerspruch für die verwöhnten Sinne und Empfindungen unserer Zeit, in der alles jung, strahlend, sportlich fit erscheinen muss und jeder Apfel denn wir noch essen wollen blank poliert und ohne jede Macke sein muss. Der mit Flicken bekleidete Franziskus, der aus einem Napf die zusammengebettelten Essensreste verspeist hätte uns wahrscheinlich auch nicht gefallen. Einfach ekelhaft. Dann schon lieber den Franziskus in Blattgold gefasst mit Heiligenschein. Wie schön und gefällig anzusehen. Schön, „pulcher“,, und gefällig, angenehm süß „suavis“, zwei Begriffe, die auch im Wortschatz des Heiligen Franziskus vorkommen und mit denen auch er das den Sinnen, dem Geschmack wohlgefällige und angenehme bewundert. Schön, gefällig, angenehm süß, Worte mit denen er die entscheidendste Sinneserfahrung seines Lebens beschreibt. Eine wohlgefällige Sinneserfahrung, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellt. „Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“ Nein, Franziskus spricht hier nicht verzückt über die wohlgefällige Betrachtung eines Freskos von Giotto, eines Tafelbildes von Margarittone oder einer Miniatur aus der vatikanischen Bibliothek. Nein, er spricht hier von der abstoßenden Unansehnlichkeit der Leprösen. Der Anblick des Hässlichen hat in ihm die Sinnesempfindung des Gefälligen, des angenehm Süßen, „suavis“, bewirkt. Da werden alle Kategorien der Sinnesempfindung und damit auch der Kunst auf den Kopf gestellt. Da bleibt nur noch der Schritt übrig, der diese Welt der narzisstischen Selbstdarstellung, der gelifteten Schönen und der ewig jugendlichen Muskelprotze verlässt. Die frühfranziskanische Einfalt und Einfachheit bewirkt, ausgelöst durch die Begegnung mit den Aussätzigen, einen Kategorienwechsel, der auch dem Unansehnlichen, dem Unvollkommenen, dem Unfertigen, dem der in und an dieser Welt leidet Hoffnung auf eine bessere und schönere Zukunft verleiht. In der Folge beinhaltet so franziskanische Bildsprache und ihr künstlerischer Ausdruck auch immer Gesellschafts- und Kirchenkritik, mehr noch die Aufforderung zu Umkehr und Buße, wie Franziskus und seine ersten Brüder es predigten. Werden wir diese Ausstellung franziskanischer Kunst als Beflügelung zu einer solchen Umkehr wahrnehmen? Dann hat sich aller Aufwand und alle Mühe gelohnt.
Sich in der Umkehr- und Bußpredigt manifestierend hat sich die Einfalt und die Einfachheit des Franziskus durchaus mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein verbunden. Franziskus hat keine Hemmungen seine eigenen Worte mit denen des Evangeliums in Gleichklang zu bringen und jedwede Abstriche an diesen allen kommenden Generationen zu untersagen. Da verbindet sich sowohl bei Franziskus als auch bei den ersten Brüdern das nüchterne Eingeständnis der eigenen Kleinheit und Minorität mit einem bemerkenswerten missionarischen Selbstverständnis in den Diensten des Evangeliums. „Das ist es was ich will“: ruft Franziskus in Portiuncula beim Hören der Sendungsreden Jesu aus. Zum Charisma der Minderbrüder gehört von Anfang an die Berufung zur missionarischen Sendung in alle Welt. Der Wunsch das Evangelium in alle Welt zu tragen und die damit verbundene praktische Begegnung mit anderen Kulturen, Sprachen und Religionen macht aus den Minderbrüdern sehr schnell Experten der Verkündigung, die alle möglichen Register der Proklamation ziehen und gerade auch dadurch zu Überbringern, Autoren und Fertigern der kulturell-religiösen Vermittlung und Darstellung des Evangeliums und des christlichen Glaubens werden. Dabei wird Franziskus selbst zum Prototyp der Verkündigung. Nicht nur, dass ganze Franziskanergenerationen ihn als Modell der Verkündigung darstellen, mehr noch, er selbst wird als der „Alter Christus“, der „Andere oder der so genannte zweite Christus“, zum Inhalt der Verkündigung, weil in seinem Leben die Neuheit des Evangeliums aufstrahlt. Als solches Medium der Verkündigung wird er dann geradezu zum Bild des Neuen, zukünftigen Menschen, der auf das zukünftige, zu erwartende Gottesreich verweist. Den Fußspuren Jesu folgend hat er gleichsam die Welt Gottes antizipiert. Dabei zeigt sich in dieser Art und Weise des Kündens eine universale Offenheit in die ganze Welt und in alle Kulturen hinein, eine Offenheit, die auch alle möglichen Instrumente der Manifestation zu spielen weiß. Der Reichtum der Darstellungsformen und -mittel, den wir nur ausschnittsweise in dieser Ausstellung sehen können hat seinen eigentlichen Ursprung in diesem universalen Sendungsbewusstsein. Das Kloster der Franziskaner war eben selten ein Ort der stillen Zurückgezogenheit, sondern, wie Franziskus der Herrin Armut bedeutet „die ganze Welt.“. Natürlich haben die Franziskaner auch Klöster gebaut. Dafür hatten sie bald in den eigenen Reihen Baumeister. Der Einfachheit und der Armut entsprechend schufen sie durchaus einen eigenen Stil, der der Schlichtheit und einer gewissen asketischen Strenge entsprach. Diese Orte boten Raum für die Predigt, den Kult und die Zelebrationen und waren zugleich als Bauten kultureller und religiöser Ausdruck einer theologischen und spirituellen Botschaft, die dem franziskanischen Selbstverständnis entsprach. Wer diese Kirchen und Klöster betritt, tritt sozusagen in die zu verkündende Botschaft hinein und wird selbst vom passiven Betrachter und Hörer zum aktiven Teilnehmer an einem Heiligen Geschehen. Eine rein museale Betrachtung dieser Zeugnisse der franziskanischen Tradition allein hilft nicht den Geist zu erschließen, der in ihnen steckt. Erst im Entdecken und sich Einlassen auf die dargestellte Botschaft kommt man der Welt des Franziskus etwas näher, kann man etwas von dem Licht aus Assisi wärmend auf der Haut des eigenen Lebens verspüren.
So mancher Besucher der Ausstellung wird vielleicht etwas erstaunt vor dem dargestellten Reichtum stehen bleiben, wo die Franziskaner doch immer von Armut reden. In seiner Einfalt und Einfachheit war Franziskus selbst nicht knauserig, kein skrupelloser Geizkragen und trotz seiner Geldverachtung kein Armutsfanatiker. Im Gegenteil Franziskus konnte erstaunlich verschwenderisch sein. Wenn es um die Aufbewahrung der Heiligen Dinge seines Glaubens ging, das aufgeschriebene Wort Gottes oder den sich demütig im Brot schenkenden Gottessohn, da war nichts gut genug, um diese kostbaren Dinge würdig aufzunehmen. Aber Franziskus war nicht nur verschwenderisch, wenn es um Evangelienbücher und Kelche ging. Genauso verschwenderisch war der Arme aus Assisi, wenn es um den irgendeine Not leidenden Mitmenschen ging. Da war kein Essensvorrat, kein Mantel, kein Buch zu schade, um nicht zur Linderung der konkreten Not hergegeben zu werden. Selbst Geld durften die Brüder annehmen, um für die Kranken zu sorgen. Der positive Habitus der Öffnung auf die ganze Welt hin und vor allem die Haltung der fast verschwenderischen Großzügigkeit zu Gunsten der Leidenden und zur Ehre Gottes, der sich ja selbst klein und demütig in unsere Welt aufgemacht hat, ist nur möglich auf der Basis einer existenziellen Grundhaltung des authentisch Guten. Das franziskanische Leben ist in dieser existenziellen Vorstellung des wahrhaft Guten geradezu verankert. Das Gute, weil es authentische ist, ist auch zugleich das Schöne. Es prägt die franziskanische Grundeinstellung zum Leben, trotz aller Härte des Alltags, trotz aller erfahrbaren Sünde und Schuld, trotz aller Begrenzungen und Misserfolge. Alle Not, alles Leid, alles Versagen wird noch einmal umfasst und aufgefangen von diesem Guten, dass allein aus Gottes Güte und Barmherzigkeit herstammen kann. Daher auch die Fähigkeit zur vollkommenen Freude. Trotz dieser Freude hat der historische Franziskus selbst wohl wenig gemein mit jenem Strahlemann des Zeferellifilms, der immer froh singend durch die blühenden Felder um Assisi zieht. Die Quellen bieten uns da eher einen Franziskus, der durch alle Tiefen des Lebens zieht, Enttäuschung, Krankheit, Depression, Misserfolg und dennoch seinen hoffenden Optimismus nicht verliert, weil er in der Barmherzigkeit des Lebens immer tiefer Gottes großzügige Güte erspürt. Diese höchste Güte verspürt er sich geschenkt durch alle Kreaturen, die auf geheimnisvolle Art und Weise an diesem Höchsten Gut teilhaben. Mit allen Sinnen nimmt Franziskus dieses Gute und Schöne in sich auf. Diese Erfahrung der Güte, des Guten und Schönen prägen das Denken, das Gestalten und Handeln der franziskanischen Tradition bis ins Detail. Alles, Wissenschaft, Kunst, Frömmigkeit. Ethik und auch die Moral, ja die ganze Schöpfung werden von dieser Vision des Guten her bestimmt und in der Zukunft vom Höchsten Gut her vollendet. Die Dinge dieser Welt so ins Licht des Guten zu stellen lässt dann aber auch die Schattenseite des Lebens deutlicher hervortreten. Die Schatten des Lebens in Gesellschaft, Kirche, Politik, Wissenschaft und Kultur, sie werden nicht wie im Glimmer der künstlichen Scheinwerfer unserer Zeit ausgeblendet. Die dunklen Seiten dieser Welt, sie werden vom Guten des Lichtes aus Assisi ausgeleuchtet, nicht, um die Verursacher wie Täter an Pranger zu stellen. Obwohl dies in der franziskanischen Geschichte oft genug auch gegeben hat. Vielmehr soll, wer im Abseits und Dunkeln steht in die warmherzige Helligkeit des Guten geholt werden. Von diesem Höchsten Guten, der nicht aburteilt, sondern heilt und tröstet soll die franziskanische Praxis in Wissenschaft, Pastoral und Kunst Zeugnis geben. Der Begriff der „Praxis“ ist übrigens vom Seligen Johannes Duns Skotus in die franziskanische Terminologie eingeführt worden und meint die tätige Liebe, durch die die in Jesus Christus in dieser Welt erschienene Liebe Gottes aufleuchten soll. Darum sollte franziskanische Kunst zu solcher Praxis tätiger Liebe beflügeln, damit in dieser Welt im Licht von Assisi etwas mehr von jener heilen Zukunft aufleuchten kann, die der Welt von Gott her verheißen ist. Wir eröffnen diese Ausstellung mitten in der Adventszeit, jener Zeit des Jahres, die wie keine andere an die uns von Gott gegebenen Verheißungen erinnern will. In dieser vorweihnachtlichen Zeit wird viel in Bildern und Texten von Engeln als Boten erzählt. Möge der beflügelte Franziskus uns da, auch durch diese Ausstellung, Bote, Engel einer hoffnungsvollen von Gott geschenkten Zukunft sein.
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