
Wer im Rietital die franziskanischen Stätten aufsucht wird auch Fonte Colombo besuchen. Dort befindet sich neben dem Kloster ein kleine, der heiligen Magdalena geweihte Kapelle, die noch aus der Zeit des Heiligen Franziskus stammt. Wer sich dann in die Stille des kleinen halbdunklen Inneren begibt wird nach einer Weile in einer Fensternische ein schon etwas verschwommenes Kreuzzeichen in der Form des sogenannten Tau entdecken. Der Tradition folgend ist es von Franziskus selbst gezeichnet worden. Dass dieses besondere Zeichen Franziskus vertraut war wird uns unter anderem von einem Augenzeugen und Biographen, Thomas von Celano, berichtet: „Vertraut war ihm vor allen anderen Buchstaben das Zeichen Tau; mit ihm allein pflegte er seine Sendschreiben zu beglaubigen; mit ihm bemalte er überall die Wände der Zellen.“ (3C3, vgl. 3C159) Das Tau-zeichen hatte für den Heiligen also eine besondere Bedeutung, so dass er es quasi wie sein persönliches Siegel benutzte. Da es sich bei dem Tau eigentlich um einen Buchstaben aus dem hebräischen und griechischen Alphabet handelte, Franziskus aber keineswegs dieser Sprachen mächtig war, muss ihm die Bedeutung dieses Zeichens aus anderen Zusammenhängen und Quelle ans Herz gewachsen sein. Zunächst ist ihm das Tau sicherlich bei einer Ordensgemeinschaft seiner Zeit, den Antonitern begegnet. Der Antoniter Orden wurde 1095 gegründet und war nach dem ägyptischen Mönch und Einsiedler Antonius benannt. Der Orden betreute Kranke, die am sogenannten Antoniusfeuer litten und später auch Lepröse. Sie waren im Mittelalter in Europa weit verbreitet und ihr Emblem war das Tau. Aus historischen Quellen wissen wir, dass Franziskus, wenn er sich in Rom aufhielt, oft in ihrem Hospiz Unterkunft fand. Franziskus erzählt uns ja selbst in seinem Testament von seiner entscheidenden Bekehrung in der Begegnung mit den Aussätzigen und in den Anfängen seiner Bruderschaft lebten er und seine Brüder meist in oder in der Nähe von Leprosen Hospizen, die oft von den Antonitern betreut wurden. Das Zeichen Tau steht also im Zusammenhang mit der Pflege der Aussätzigen, deren besonderer Freund Franziskus wurde (vgl. Gef 11). Weiter wurde Franziskus wohl durch das IV. Laterankonzil inspiriert. In seiner Predigt zur Eröffnung des Konzils am 11. November 1215 kommentiert Papst Innozenz der III. aus dem Propheten Ezechiel, das Kapitel 9 und vor allem den Satz „Doch von denen, die das T auf der Stirn haben, dürft ihr keinen anrühren (Vers 6)“, und er erklärt: „Barmherzigkeit wird denen gewährt, die das Tau tragen, ein Zeichen der Buße und der Lebenserneuerung in Christus“. Wiederum treffen diese Worte auch auf die Bekehrungserfahrung des Franziskus zu, der bekennt: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: Denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.“ (Testament 1-2) Tragischer Weise hat Innozenz III. dann den Text umgedeutet und auf die Kreuzfahrer angewandt, die Barmherzigkeit erfahren werden, wenn sie sich als „Champions des Tau“ erweisen und Gottes Urteil vollstrecken. Bereits bei dem tragisch geendeten Kinderkreuzzug von 1212 wurde das Tau als Zeichen der Vollstrecker von Gottes Willen umgedeutet. Franziskus mag auch dies erlebt haben, wir wissen es nicht. Er selbst aber wird auf seine Evangeliums gemäße Art und Weise ein Champion des Tau, indem er ohne Waffen in das Feldlager der Muslime zieht, um vor dem Sultan seinen Glauben friedlich zu bekunden. Franziskus war sich wohl im Klaren darüber, dass das Tau einen biblischen Bezug hat und vor allem als Zeichen der Befreiung im Zusammenhang mit dem Exodus Israels steht (vgl. Ex 12,7) und durch die mittelalterlichen Auslegungen des Talmud als Zeichen der Vollendung, als Siegel der Gottzugehörigkeit, der Bekehrung und als eschatologisches Zeichen interpretiert wurde. Ebenso war das Tau bekannterweise das Schriftzeichen für die Zahl 300 und wurden von den christlichen Kirchenvätern im Zusammenhang mit verschieden Schrifttexten ausgelegt. So zum Beispiel soll die Arche Noahs 300 Ellen lang gewesen sein (vgl. Gen 6-9), oder Gideon bezwang die Feinde Israels mit 300 Mann (Vgl. Richter 7), und Magdalena verschwendete 300 Denare um Jesus zu salben (Vgl. Joh 12,3-8). Auch wurde der Engel des sechsten Siegels in der Offenbarung des Johannes von den Vätern dargestellt, wie er die Erlösten mit einem dem Tau ähnlichen Zeichen kennzeichnet. Das Zahlzeichen Tau wurde so auf der Grundlage dieser Texte als Zeichen der Erlösung, Rettung und der liebende Hingabe gedeutet. Das kann Franziskus aus der Liturgie und den Predigten bekannt gewesen sein. Darüber hinaus kam das Tau auch in der weit verbreiteten Erzählung der griechischen Odyssee vor. Ulysses wurde in dieser Erzählung zu seiner eigenen Rettung an den Mastbaum seines Schiffes gebunden und dieser wiederum hatte die Form eines Tau. Der Mastbaum als Baum der Rettung wurde dann in der christlichen Literatur im Kreuz gesehen. Das originale Kreuz, wie es die Römer für Kreuzigungen nutzten, hatte auch die Form des Tau. Die Form, die wir heute kennen kommt erst später auf, da das von Pontius Pilatus auf dem Tau-Kreuz angebrachte Namensschild nun als Verlängerung des Längsbalken dargestellt wird. Für Franziskus war das Tau aber noch eine Kreuzesdarstellung und als solches macht er es zu seinem Zeichen der Identifikation und indem er möglichst alles mit dem Tau bezeichnet stellt er alles unter das erlösende Kreuz, dem Zeichen der Liebe Gottes zur Welt.