
Kein Geschehnis hat die Welt seit dem zweiten Weltkrieg so sehr in Unruhe, Ängste und Auseinandersetzungen versetzt wie die alle Länder betreffende Corona-Pandemie. Was kaum einer wahrhaben wollte hat sich rasant global ausgebreitet. Ein Virus stellt der sich für überlegen haltenden Menschheit ihre Schwäche vor Augen und zerrt die Verwundbarkeit und Sterblichkeit der Menschen ins Licht der Öffentlichkeit. Die Natur lehrt uns Menschen jetzt schmerzlich, dass sie doch stärker ist als unsere Illusion des Alles-Machbaren und als unser Glaube an den ewigen Fortschritt. Der Virus bringt das ‚Wirtschafts-Dogma‘ von der notwendigen fortschreitenden Gewinnsteigerung zu Fall, mit verheerenden Konsequenzen. Es zeigt sich, dass der Welt eine Wirtschafts- und Fortschrittsdoktrin aufgezwungen wurde, die jetzt angesichts des Virus nicht Stand hält. Die Fata Morgana des Wohlstands war auf Sand gebaut. Nun erweist sich, dass Systeme mit einer sozialen Ausrichtung doch besser tragen, als Systeme, die auf neo-liberalen Theorien basieren.
In den vergangenen Wochen, vielleicht noch für Monate, wird den Menschen auf der ganzen Welt eine ‚Fastenzeit‘ aufgezwungen, ob sie wollen oder nicht. Einreisebeschränkungen, Schließungen von Schulen, Kindergärten und nicht unbedingt lebensnotwendiger Geschäfte. Der Corona-Virus zwingt zum Verzicht auf Vergnügen, Konsum und freie Bewegung. ‚Social Distance’ und Quarantäne sind gefordert. Noch schlimmer, der Virus gefährdet Arbeitsplätze und verstärkt die sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt. Das alles macht vielen Menschen Angst und es zerstört Vertrauen in die Politik und die Institutionen. Unsicherheit breitet sich aus und je länger die Antimaßnahmen dauern wachsen die Widerstände derjenigen, denen es nur um die eigenen Freiheitsrechte, den eigenen Vorteil geht. Schuldige werden gesucht, alte Feindbilder werden wieder mobilisiert. Da es auf die komplexe Situation keine einfachen Antworten gibt werden Fake-news und Verschwörungstheorien verbreitet. Die Unvernunft verbindet rechte Populisten mit linken Ideologen und religiösen Hardlinern. In dieser Situation ist Geduld, Verstand und Wahrhaftigkeit gefragt.
Da kann auch eine spirituelle Ausrichtung Orientierung geben. Als Menschen, die sich an Franziskus und Klara von Assisi orientieren kann ein Blick in ihr Leben gegebenenfalls inspirieren. Natürlich lebten sie in einem anderen Jahrhundert und waren mit anderen Krisen, sozialen Problemen und Seuchen konfrontiert. Dennoch mag ihr Wirken unser Handeln zu formen. Aus seiner persönlichen Lebenskrise findet Franziskus nach seinen eigenen Worten im Testament heraus, weil er es wagte die, von der damaligen Gesellschaft und Kirche aus medizinischen Gründen der Ansteckungsgefahr und der theologischen Brandmarkung als Sünder, auferlegte ‚Social Distance‘ zu den Leprösen durch Freundschaft und Solidarität zu überwinden. Die adelige Klara hält sich nicht an die Regeln ihres Standes und kümmert sich um die sozial ausgegrenzten Armen. Die Begegnung mit dem Leid und Elend stellt beide auch vor die Frage nach Gott und dem eigenen Selbstverständnis. ‚Wer bist Du und wer bin ich?‘, diese existenzielle Frage wird von Franziskus überliefert. Bei beiden wandelt sich das Gottesbild in der Begegnung mit der menschlichen Armseligkeit und der Zerbrechlichkeit des Lebens. Sie finden den ‚guten‘ Gott, empathisch und nicht strafend, unter den Armen und Aussätzigen. Beide wurden, fast ihr ganzes Leben lang, immer wieder von Krankheiten, dem Tode nahe, geplagt. Das hat ihren Umgang mit Krankheit und Tod geprägt. Sie wollen, dass den kranken Schwestern und Brüdern die für damals größtmögliche Hilfestellung und Erleichterung zu Gute kommt. Gleichzeitig ermutigen sie Krankheit mit aktiver Geduld als Teil des Lebens zu akzeptieren und als Chance des menschlichen Wachsens und Reifens wahrzunehmen. Der Tod wird nicht verschwiegen oder gar verdrängt. Er gehört für sie zum Leben und verliert seinen Schrecken, weil er authentische Beziehungen der Liebe und Zugehörigkeit nicht zerstören kann. Gefährlich scheint Ihnen nicht der Tod, sondern die Lieblosigkeit der Selbstsucht. Herausgefordert durch Krisen, Krankheiten, soziale Distanz und Ungerechtigkeit, sowie provoziert durch ein sich geändertes Gottesbild gestalten sie einen zu der hierarchischen Gesellschaft und Kirche alternativen Lebensstil der Geschwisterlichkeit. Dieser auch religiös begründete Lebensstil – alle sind in Jesus Christus als Brüder und Schwestern Geschöpfe des gleichen Gottes – besitzt einen universellen Charakter. Auch anders Gläubige und alle Kreaturen sind mit eingeschlossen. Ihre Erfahrung mit Armut, Krankheit und Ausgrenzung hilft Ihnen, einen Gott zu entdecken, der sich aller Geschöpfe annimmt und das Leben will. Die Wahrnehmung, dass ein geglücktes Leben durch die Gabe der mitfühlenden und teilnahmsvollen Beziehung geschenkt wird und nicht durch Geld, Besitz oder Macht erworben werden kann wandelt auch ihr Menschen- und Weltbild. Statt des ‚Homo Economicus‘ stellen sie den ‚Homo Fraternus/Sororius‘ in den Mittelpunkt. Dies hat auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen. Statt sich in die aufkommende vor-kapitalistische Geldwirtschaft einzuordnen veranlassen sie mit ihrer Hände Arbeit, dass die wirtschaftliche Tätigkeit der Menschen in Sozialbeziehungen eingebettet ist. Damit überwinden sie eine Wirtschaft des Profits auf Kosten der Menschlichkeit und Natur durch eine Wirtschaft der Gabe, die neben monetären Werten auch soziale, kulturelle und ethische Werte definiert. Mit dem Menschen- und Weltbild des ‚Homo Fraternus/Sororius‘ und einer Wirtschaft der Gabe sind sie für unvorhersehbare Krisen vorbereitet und fähig diese in einem Lernprozess zu bewältigen.
Was könnten wir folglich, inspiriert durch Franziskus, Klara und die franziskanisch-klarianische Tradition, aus unserer Corona-Krise lernen? Hierzu einige Anregungen: Die jetzt notwendige ‚Physical Distance‘ sollte durch eine verantwortbare ‚Social Closeness‘ zu den am meisten Betroffenen, den Armen, den Älteren, den Kranken und denen, die jetzt ihre Lebensgrundlagen verlieren praktiziert werden. Um den aus Gesundheitsgründen notwendigen Abstand durch neue Formen der Nähe, Fürsorge und Solidarität zu wahren bedarf es der Fantasie, spontaner Flexibilität, der Intuition und unkonventioneller Menschlichkeit.
Statt Großunternehmen durch Steuermittel zu ermöglichen Dividenden zu zahlen, geht es jetzt darum Mittel einzusetzen, um Leben zu retten, Armut zu lindern und Arbeitsplätze zu erhalten. Statt zurückzukehren zur ‚Normalität‘ des Profits der neo-kapitalistischen Ökonomie bedarf es jetzt der mutigen Umgestaltung der Wirtschaft unter Bedingungen einer wahrlich sozialen Marktwirtschaft. Die Krise dieser Pandemie hat deutlich gezeigt, dass die bisherige Praxis des Kapitalismus einer solchen Situation nicht standhält. Offenbar ist es doch an der Zeit das Neo-liberale Wirtschaftssystem und seine Dogmen vom ewigen Wachstum in Frage zu stellen, und andere Strukturen und Mechanismen ernsthaft in den Blick zu nehmen. Wir müssen diese Krise als Auftrag zur Umkehr verstehen, wenn wir die Zukunft der Menschheit nicht weiterhin auf Sand bauen wollen. Ansätze dazu gibt es schon, zum Beispiel in einer Ökonomie der Gabe, in einer solidarischen Ökonomie und viele mehr. Nachhaltiges und zukunftsträchtiges Wirtschaften ist jetzt angesagt. Ebenso sollten wir jetzt mehr und schneller etwas tun, um das Gleichgewicht der Natur zu schützen und damit die Schöpfung, unser gemeinsames Haus, zu bewahren. Forderungen, die ohnehin schon unzureichenden Beschlüsse zum Schutz der Natur wieder aufzuweichen sind zurückzuweisen. Wir können und dürfen nicht zurück zur Haltung des ‚Hauptsache der Dollar rollt‘. Dann hätten wir nichts aus dieser Krise gelernt. Ethische und moralische Grundhaltungen zur Gestaltung des Zusammenlebens, der Wirtschaft und des Umganges mit der Schöpfung müssen jetzt diskutiert und umgesetzt werden.
Diese Pandemie ist darüber hinaus auch eine Infragestellung des Gottesbildes gläubiger Menschen und ihrer religiösen Praxis. Die Theodizee-Frage stellt sich erneut: Wieso lässt Gott dies zu? Gottesbilder, die sich auf Allmachtvorstellungen, Perfektionismus, Unveränderlichkeit oder Leidenschaftslosigkeit (Apatheia), sowie mechanische oder Verursacher Vorstellungen reduzieren tun sich da eher schwer. Menschen, die sich an der Spiritualität von Franziskus und Klara orientieren sind auch in massiven Krisen offen für den Gott, der sich freiheitsliebend unter den Armen, Kranken, Ausgegrenzten und unter denen, die das Leben als kostbares Geschenk dankend annehmen zeigt. Dieses Gottesbild formt den Einsatz für eine bessere Welt, in der dem Frieden, der Gerechtigkeit und einem zukunftsträchtigen Umgang mit der Schöpfung eine Chance gegeben wird.
Der Weg zu einer besseren Welt führt allerdings nur über die Aufgabe der derzeitigen. Diese Krise eröffnet auch die Möglichkeit jetzt andere Wege zu gehen. Dies stellt uns vor die Frage, was ist uns wirklich wichtig, was ist uns wirklich etwas wert und was bedeutet dies für unsere gemeinsame Zukunft, unser gemeinsames Haus? Um diese Fragen zu beantworten bedarf es einer der franziskanischen Tugenden, der Geduld. Geduld ist jetzt auch von uns allen gefragt und das meint nicht nur passives Aushalten, Ertragen und voller Angst abwarten. Dann liegen die Nerven bald blank. Geduld ist ebenso die aktive Kraft der Ausdauer und der Zuversicht in einer schwierigen Zeit, deren Ende noch nicht absehbar ist. Im Bündnis mit Vertrauen und Glauben ist die Geduld jene Grundhaltung, die Zutrauen in das Leben hat. Wer Geduld hat fühlt sich den Krisen nicht einfach ausgeliefert, vielmehr stellt sich der Geduldige den Herausforderungen des Schweren und den Stürmen, darum wissend, dass Krisen auch die Chancen bieten zu lernen und zu reifen. Geduld hat den Lichtschimmer am Ende des dunklen Tunnels im Blick und weiß, dass auf jede Nacht ein Tag folgen wird. Gewiss, sie zaubert die Angst nicht einfach hinweg, jedoch bewahrt sie vor depressiver Lähmung und unnötiger Panik. Sie ist die Kraft notwendige, vielleicht auch schmerzliche, Schritte auf den kommenden Sommer zuzugehen. Natürlich hat die Geduld, die wir jetzt brauchen, ihren Preis: die Disziplin notwendige Einschränkungen einzuhalten und Solidarität mit den Risikogruppen und Kranken, überall auf der Welt, zu zeigen. Mit solcher Geduld werden wir nicht nur diese Krise überwinden, sondern hoffentlich auch mit gereifter Menschlichkeit, einem Zuwachs an Wissen und neuen Fähigkeiten eine für Alle lebenswerte Zukunft gestalten.